[Irisches Tagebuch] Oktober/November

Veröffentlicht von Jan van den Hurk am

Dia dhuit!*
Seit der letzten Email sind ja jetzt nun ein paar Wochen vergangen und es ist viel passiert. Ich habe an der Uni meine Kurse endgültig gewählt, Tagesausflüge unternommen, die Angebote der Clubs und Societies an der Uni genutzt, Berge bestiegen und natürlich Cork und die Iren weiter erkundet. Aber jetzt alles hübsch der Reihe nach …

Uni

The QuadDie ersten zwei Wochen an der Uni dienen der Orientierung und man darf sich alle Kurse mal anschauen und muss sich dann bis zum Ende der zwei Wochen für sein Jahresprogramm entscheiden. Mein Programm stand dabei schon relativ schnell fest, da ich nur Kurse gewählt habe, die mir in Aachen auch anerkannt werden. Konkret sind das:
Electrical Machines & Power Electronic Systems
Optical Electronics
RF IC Design
Medical Electronic Systems
Nanotechnology
Microsystems
Processing of IC

Fundament aller Kurse sind dabei die Vorlesungen (es gibt keine Übungen!), die bei Bedarf durch Laborarbeit oder schriftliche Ausarbeitungen ergänzt werden.

Im Prinzip läuft alles eher schulisch ab. Die Gruppen sind klein, die Studenten lauschen andächtig (ja, es wird in der Tat kaum geredet) dem Dozenten, manchmal wird man durch Verständnisfragen eingebunden und auch der Stil vieler Erklärungen kommt einem deutschen Studenten irgendwie unwissenschaftlich vor. Der Anspruch und die Geschwindigkeit ähnelt aber den Aachener Verhältnissen.
Eine Erklärung für den verschulten Uni-Betrieb könnte das Alter meiner Mitstudenten sein. Der typische irische Schüler verlässt je nach Abschluss die Schule mit 17 oder 18. Das heißt, dass die Studenten ihren Abschluss (Bachelor) mit durchschnittlich 22 in der Tasche haben. Rechnet man noch einen zweijährigen Master hinzu, um einen Vergleich zum deutschen Diplom-Ingenieur zu haben, sind die lieben Iren mit 24 aus der Uni raus.
Dafür gibt es drei Gründe:
1. Frühe Einschulung
2. 12 Schuljahre bis zur Hochschulreife
3. Kein Wehrdienst
Die Rolle als Alterspräsident trage ich aber mit Fassung … 😉

Clubs and Societies

Neben dem eigentlichen Lernen wird am University College Cork auch ein großes Angebot an sonstigen Freizeitbeschäftigung angeboten. Die so genannten Clubs oder Societies sind studentische Eigeninitiativen, die im sportlichen bzw. künstlerischen, musischen oder weiß der Henker welchem Bereich aktiv sind. Grob geschätzt gibt es zur Zeit knapp 100 dieser Initiativen und der Themenbereich geht von der „Accounting and Finance Society“ über den „Cricket Club“, der „DJ Society“, dem „Mountaineering Club“ bis zu einer politischen Jugendorganisation namens „Young Fine Gael“. In Deutschland würde man diese Angebote wohl in den örtlichen Vereinen wiederfinden, aber in der Vereinsgründung sind wird ja ziemlich fleißig…

Natürlich nutze auch ich das Angebot und gehe regelmäßig zum Chor (Nächstes Stück: Verdis Gloria), steige mit dem Mountaineering Club auf Berge und, wenn es die Zeit zulässt, spiele wieder ein wenig Badminton.

Mountaineering Club

BergseeWer gerne wandert ist in Irland sehr gut aufgehoben, denn Irland gehört zu den wenigen Ländern wo es noch stilecht querfeldein und nicht auf ausgetrampelten Pfaden entlang geht. Wichtige Voraussetzung sind auf den Fall gute Wanderstiefel, denn der Untergrund ist durch das feuchte Klima recht weich oder auch schlammig, wenn nicht sogar nass. Regenkleidung sollte man als Irlandreisender ja sowieso dabei haben. Der Mountaineering Club bietet für den Spottpreis von 6€ jeden Sonntag eine Fahrt zu einem irischen Berg (oder doch vl nur Hügel!?) an und stellt auch die nötigen Führer, die für die Streckenplanung verantwortlich sind.

Mein erster Berg in Irland war der Boughaill im County Kerry am ersten Sonntag im Oktober. Einige hundert Höhenmeter galt es zu überwinden und bei sonnigem Wetter wurde unsere Gruppe dann mit einer tollen Aussicht vom Gipfel aus belohnt. Der Weg nach oben führte über weite grüne Wiesen mit wahllos verstreuten Felsen jeder Größe oder durch kleinere Moore mit tiefen Pfützen. Wer da nicht das hellgrüne Moos auf einer Pfütze vom nicht ganz so grünen Gestrüpp unterscheiden kann, steht dann schon mal gerne bis kurz unters Knie im Wasser …

Vergangenes Wochenende ging es dann Richtung Westen nach Dingle, wo wir am Samstag den Mt. Brandon in Angriff genommen haben. Der Mt. Brandon befindet sich auf einer Halbinsel nördlich vom Ring of Kerry und plagt den geneigten Wanderer mit einem Schlussanstieg über knapp 150m von 30 bis 45°. Dafür darf man dann auf dem Gipfel in dem Grab des Heiligen Brandon platz nehmen und im Windschatten eine Brotzeit einlegen.
Leider war uns das Wetter diesmal nicht so hold und eine Wolke umhüllte den Gipfel. Wenn dann doch mal der Himmel aufriss und die Sonne das Land beschien, zeigte sich Irland von seiner besten Seite: Grüne Wiesen die von Mauern durchzogen werden und plötzlich an schroffen Klippen enden, welche das Land vom Atlantik trennen. Ein tolles Panorama, dass man wohl nur aus einiger Höhe genießen kann.
Die Abende klangen vor dem Kamin (mit Steinkohle!) bei Bier und Gesang aus.

Die irische Kneipologie

Nun ja. Um eines direkt vorweg zu schicken: Alle Gerüchte und Clichés sind wahr! Zum Iren an sich gehört auf jeden Fall ein Pub.
Es gibt sie an jeder Ecke. Klein und vergammelt, uralt und müffelnd, renoviert und modisch. Aber alle Pubs sind voll. Irland eilt ja der Ruf voraus, dass es hier ein Alkoholproblem gibt und ich denke, dass dieser Ruf standfest verteidigt wird. So kann es sein, dass man um vier Uhr nachmittags auf seinem Weg nach Hause schon die ersten torkelnden Personen trifft, die im philosophischen Selbstgespräch vertieft den Weg nach Hause an den heimischen Herd antreten. Wer nun aber erwartet, dass dort die Nudelholz schwingende Rache wartet, muss nicht zwangsläufig richtig liegen, denn trinktechnisch ist die Gleichberechtigung in Irland sehr weit fortgeschritten. So sieht man zur Closing Time Paare jeden Alters eng umschlungen den Weg nach Hause mäandern.

Die Vögel wird dabei kaum einer zu Gesicht/zu Gehör bekommen, denn das letzte Pint geht unter der Woche um 11.30pm und am Wochenende bis 12.30pm über die Theke. Nightclubs servieren bis 2.30am Getränke und im Anschluss wird man freundlich aber bestimmt dazu aufgefordert innerhalb einer halben Stunde aufzutrinken. Beamish

Das Getränkeangebot ist erwartungsgemäß reichhaltig. Neben den einheimischen Stouts (Guinness, Murphy’s, Beamish – letztere aus Cork) und dem Cider (aus Apfel oder Birne) tummeln sich diverse internationale Biermarken (Carlsberg, Heineken, Miller, Corr’s, Budweiser, Foster’s) in dem Wald an Zapfhähnen. Denn von einigen Flaschengetränken (Krombacher, Erdinger, Beck’s, Budvar, Kopparberg, …) abgesehen wird alles frisch gezapft und so warten jeden morgen unglaublich Mengen an leeren Fässern vor den Lokalen auf ihre Nachfolger. Preislich liegt das günstigste Bier (Foster’s) pro Pint (568ml) bei 3€. Für ein Stout muss man zwischen 3,20 und 4,50€ anlegen. Dummerweise sind die Supermarktpreise nicht deutlich geringer. Der Kasten Warsteiner (24 x 330ml) kostet zur Zeit 22,99€. Der Grund dafür ist eine saftige Alkoholsteuer, wodurch z.B. eine Flasche Whisky in Irland 10€ mehr kostet als in Deutschland.

IMGP3394Was wäre aber ein Pub oder ein Nightclub ohne Musik. Von traditionell irisch über das übliche Gedudel aus dem Popmusikcharts bis zur guten Rockmusik findet man alles seine Abnehmer. Billigmelodien, wie man sie z.B. vom deutschen Schlager kennt, sucht man hier Gott sei Dank vergeblich. Stattdessen findet man in einigen Bars auch viele ältere Semester an den Stehtischen vor Bühne das Glas heben, wenn Band einen aktuellen Kracher aus der Rockmusik zum Besten gibt. Mitgrölen ist dabei nicht ausgeschlossen.

Was gab es sonst noch

Wochenendausflug mit meinen internationalen Mitstudenten an die Klippen und Strände der Westküste. Guinness Jazzfestival in Cork. Blarney Castle, wo man den Blarney Stone küsst, um ein beredsamer Mensch zu werden. Kochabende an verschiedenen Orten. Mein Geburtstag mit Käsekuchen und Nußecken. St. Martin mit selbstgebackenen Weckmännern. Der Nußknacker in Corks Oper (leider eine Aufführung ohne Orchester) und und und …

Wie geht es weiter

Nächstes Wochenende geht es mit dem Chor zur Intensivprobe nach Tralee, wo ich hoffentlich noch mehr Kontakte zu echten Iren schließen kann. Am Wochenende darauf starten wir dann mit gemieteten Autos in den Nordwesten Irlands, in Richtung Galway. Mit 25 internationalen Studenten dürfte das mal wieder ein Erlebnis werden. Beim nächsten Mal gibt es dann auch einen kleinen Überblick über die irischen Sprachgegebenheiten.

In diesem Sinne:
Slán!*
Jan


Dia dhuit! (irisch: „Gott mit Dir!“ Die korrekte Antwort wäre „Dia’s Muire dhuit!“ was „Gott und Maria mit Dir!“ heißt.)

Slán! (irisch: „Gesundheit!“ im Sinne von „Tschüß“)


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