Vergangenheit und Zukunft im ÖPNV

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Liebe ASEAG, lieber AVV, liebe Verkehrsverbünde in NRW und Deutschland,

heute erhielt ich zeitgleich mein Semesterticket der RWTH und meine elektronisches Ticket aus den Niederlanden. Und wenn diese beiden Tickets so neben mir liegen, frage ich mich schon, ob hier in Deutschland die richtigen Prioritäten gesetzt werden. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass laut Umfragen das wichtigste Kriterium für die Nutzung des ÖPNV nicht die Geschwindigkeit oder der Preis, sondern die einfache Benutzbarkeit ist. Ganz ehrlich: Warum dauert bei uns die Umsetzung so einer echt praktischen Innovation so lange? Und wann kann man überhaupt damit rechnen, dass nur noch elektronische Tickets im Einsatz sind? Fehlt der politische Wille? Fehlt der Druck von „oben“ (Landes- oder Bundesebene)? Warum lässt man sich die Chance den ÖPNV für viele Menschen attraktiver zu gestalten entgehen?

Mit freundlichen Grüßen
Jan van den Hurk

Campusbahn: Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?

Eines ist klar: Am Tag des Ratsbürgerentscheid, Sonntag 10. März 2013, wird die Antwort „Jein“ nicht zur Verfügung stehen. Der Rat der Stadt Aachen hat sich im Dezember mit sehr großer Mehrheit für den Bau einer Stadtbahn in Aachen ausgesprochen und gleichzeitig den Weg frei gemacht für einen sogenannten Ratsbürgerentscheid. Wir Bürger von Aachen von Aachen haben einmalig ein Stückchen von der von uns per Wahl vergeben Macht zurückbekommen und sollen über die Campusbahn entscheiden. Sind Sie für den Bau der Campusbahn? Ja oder Nein!

Nach einer nahezu wahnwitzigen Recherche, endlosen Diskussionen im Internet und anderswo und vielen Gesprächen mit Befürwortern, „Gegnern“, anderen Interessierten und offiziell Verantwortlichen habe ich mich dazu entschlossen mit „JA“ zu stimmen. Denn hinter dem Ratsbürgerentscheid steckt mehr als die simple Frage nach der Einführung einer Stadtbahnlinie. Wir wahlberechtigten Bürger müssen darüber entscheiden welche Richtung Aachens ÖPNV einschlagen soll und wir haben jetzt die Verantwortung uns für die Lösung zu entscheiden, die den Anforderungen Aachens in vielen unterschiedlichen Punkten am ehesten gerecht wird.

Ich möchte kurz die wichtigsten Rahmenbedingungen und Probleme skizzieren:

  1. In Aachen muss der ÖPNV ausgebaut werden.
    Seit beinah drei Jahrzehnten steigen die Fahrgastzahlen in Aachen nahezu ununterbrochen an. Derzeit fahren im Jahr 66 Mio. Menschen mit der ASEAG und das Ende Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Aller Orten liest man vom sich ändernden Mobilitätsverhalten der Menschen vor allen Dingen bei jungen und alten Menschen. Die eine Gruppe plant ganz vorurteilsfrei und sachlich wie sie am besten von A nach B kommt und wählt dann das optimale Verkehrsmittel aus und die andere Gruppe kann irgendwann nicht mehr am Steuer eines Autos sitzen oder kann sich kein Auto mehr leisten.
    Die jetzt schon vorhandenen Kapazitätsengpässe auf den Hauptachsen des Aachener ÖPNV werden sich also aller Voraussicht nach verschärfen und es besteht hier und heute Handlungsbedarf. Leider ist es nicht mit ein paar mehr Bussen getan, da stellenweise bereits so viele Busse unterwegs sind, dass diese sich gegenseitig blockieren. Aachen muss also den nächsten Schritt wagen und ein leistungsfähigeres System einführen.
  2. Umweltschutz – Lärm und Schadstoffe in der InnenstadtDie Auflagen im Bereich Umweltschutz werden Jahr für Jahr schärfer. Die EU gibt immer niedrigere Grenzwerte für Lärm und Schadstoffe vor und zwingt die städtischen Verantwortlichen tätig zu werden. Die Lärmkartierung hat gezeigt, dass der steigende Verkehr in Aachens Straßen immer mehr zu einer Belastung wird. Bei den Luftschadstoffen senkt sich langsam das Ungeheuer „Umweltzone“ über die Stadt und nur mit viel Kreativität konnte die Einführung von schmerzhaften Zwangsmaßnahme, die den Pkw-Verkehr in der Innenstadt reduzieren, verhindert werden. Auch beim Dauerbrenner CO2 kann sich Aachen nicht vor seinem Anteil an der globalen Verantwortung drücken und die Endlichkeit der fossilen Treibstoffe wird uns so oder so zum handeln zwingen.
  3. Stadtentwicklung
    Aachen steht unbestreitbar im Wettbewerb der Städte. Die große Mobilität der Menschen macht sich auch hier bemerkbar, wenn der ein oder andere ohne langes Zögern seine Heimat verlässt und sich nach einem Ort umschaut, der die besten Chancen bietet. Bei so einem Ortswechsel werden natürlich viele Faktoren herangezogen, aber ein Faktor ist sicherlich die Frage, wie einfach ich meinen Mobilitätsbedarf umsetzen kann. Ein guter Nahverkehr kann hier ein entscheidender Punkt sein, wenn er denn eine hohe Qualität aufweist.
  4. Finanzen
    Nichts auf der Welt ist umsonst und so muss auch die Stadt ein Auge aufs Geld haben. Die entscheidende Frage ist aber wofür das Geld ausgegeben wird und wie man seine Prioritäten setzt. Es gibt bestimmte Dinge, die kann man ruhigen Gewissens als Luxuriös bezeichnen, aber eine funktionierende Infrastruktur, und dazu gehört der ÖPNV, muss unbedingt die vorderen Plätze belegen.
  5. Teilhabe und Teilnahme für alle
    Die sozialen Gräben laufen mittlerweile quer durch unsere Gesellschaft – heute noch in der Spitzengruppe und morgen schon bei den Schlusslichtern. Oder man ist von Geburt an nur das fünfte Rad am Wagen. Eine lebenswerte Stadt ist auf den Zusammenhalt seiner Bürger angewiesen und muss dafür Sorge tragen, dass diese sich unabhängig von Stand oder Hintergrund begegnen können. Eine Aufspaltung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen kann und darf sich Aachen nicht leisten.

Ein leistungsfähiger ÖPNV muss sich mindestens an diesen Punkten messen lassen und die Gremien der Stadt Aachen haben sich in den letzten fünf Jahren intensiv um eine optimale Lösung bemüht. Es wurden 17 verschiedene Verkehrsmittel verglichen, die Vor- und Nachteile abgewogen, die Kosten ermittelt und am Ende stellte sich zur Überraschung so einiger Menschen heraus, dass eine Stadtbahn für Aachen genau die richtige Lösung ist. Ohne Frage mit 4,04 bis 6,36 Mio. € jährlich eine kostspielige Investition, aber alle anderen Alternativen können nicht annähernd so vollständig auf die von mir skizzierten Fragestellungen eine Antwort geben wie ein Stadtbahnsystem.

Ein ausgebautes Busnetz mit eigenen Spuren von Brand bis zur Uniklinik schlägt laut ASEAG auch mit 4,3 Mio. € jährlich zu Buche, hilft weder beim Umweltschutz noch bei der Barrierefreiheit und ist auch sonst nicht sonderlich attraktiv. Busse mit alternativen Antrieben sind ein wichtiger aber teurer Schritt beim Umweltschutz und bieten auch keine Antwort auf die Engpässe im Busbetrieb. Es würden immer noch Fahrgäste an den Haltestellen stehen bleiben müssen und die vollen Busse an sich vorbei ziehen lassen. Bei der Entscheidung muss daher jedem klar sein, dass alle Alternativen viel Geld kosten, sich aber eklatant in der Qualität und der Lösung aller weiteren Probleme in der Aachener Innenstadt unterscheiden. Selbst „nichts tun“ ist kostspielig, da der steigende (vermutlich Auto-)Verkehr gelenkt und aufgefangen werden muss, Zwangsmaßnahmen im Bereich Umwelt verhindert werden müssen und die Stadt mit einem erheblichen Attraktivitätsverlust zu kämpfen hätte.

Für mich ist daher klar, dass eine Stadtbahn den besten Mix aus Investition und Kosten darstellt und mit der sowieso nötigen Basisinfrastruktur auch Steigbügelhalter für die weitere Elektrifizierung des Aachener Verkehrs sein kann. Nicht ohne Grund hat die vorläufige standardisierte Bewertung einen Kosten-Nutzen-Faktor von 1,5 ergeben. D.h. jeder investierte Euro löst 1,5 € volkswirtschaftlichen Nutzen aus und die Differenz kommt direkt der Stadt Aachen und seinen Bürgern zu Gute. Eine neues Verkehrssystem bedeutet natürlich auch Änderungen am bestehenden System, aber bis 2019 ist noch genügend Zeit viele kleine Details zur Zufriedenheit der Mehrheit zu gestalten. Ich hoffe daher, dass sich beim Ratsbürgerentscheid die Mehrheit der Wahlberechtigten für den Bau der Campusbahn ausspricht und damit Aachen zu einem Schritt vorwärts verhilft.

PS: Ein letztes persönliches Wort zu den vergangenen Wochen. Noch nie ist mir Politik im Alltag so Nahe gegangen. Noch nie war ich so nah dabei und hatte die Gelegenheit an vorderster Front mit vielen Menschen zu diskutieren, abzuwägen und ein Votum abzugeben. Der Aufwand, um bei einem Ratsbürgerentscheid eine solide abgesicherte Entscheidung zu treffen, ist enorm und mein Respekt gilt denjenigen, die uns im normalen Alltag auf ehrenamtlicher Basis viele Entscheidungen in den Gremien der Stadt abnehmen. Aber ebenso gilt mein Respekt denjenigen, die in diesen Wochen andere Meinung waren und trotzdem mit offenem Visier über das für und wider dieses Großprojekts diskutiert haben. Einiges hat mich auch im Zusammenhang mit diesem Ratsbürgerentscheid nachdenklich gestimmt. Ist das der beste Weg um uns Bürger besser an politischen Prozessen zu beteiligen (Stichwort: Direkte Demokratie)? Woher stammt diese überbordende Misstrauen gegenüber Politikern und Fachleuten, die ich in den allermeisten Fällen mit Herzblut bei der Sache erlebt habe? Wie steht es um unsere Diskussionskultur? Alles Fragen, die in nicht all zu ferner Zukunft sicherlich einen weiteren Blogeintrag wert sind.

Weitere Informationen:
www.campusbahn-aachen.de – Die Unterlagen der offiziellen Vor-Planung
ratsinfo.aachen.de/bi/allris.net.asp – Das Ratsinformationssystem der Stadt Aachen
bahnfreifuerac.bplaced.net – Aufbereitetes Kartenmaterial zur Campusbahn mit praktischen Funktionen
www.spd-aachen.de/html/31776/welcome/-Campusbahn.html -  Antworten zu den meisten offenen Fragen
frittezang.de/fz007-pro-campusbahn-mit-jan/ – Ausführlicher Podcast mit Tim Becker zur Campusbahn

Campusbahn Aachen: Bürgerentscheid am 10. März

Campusbahn Einstiegskonzept mit Haltestellen und Haltestellennamen.  (Grafik TEMA AG, Kartengrundlage © OpenStreetMap und Mitwirkende, CC-BY-SA)

Am 10. März 2013 entscheiden die Aachener Bürger über die Weiterentwicklung des hiesigen öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Der ÖPNV in Aachen wird durch ein Busnetz und regionale Bahnstrecken getragen und befördert aktuell über 65 Mio. Fahrgäste. Nicht zuletzt durch ein geändertes Mobilitätsverhalten konnte die Fahrgästezahl seit 1999 um über 12% gesteigert werden. Dieser erfreuliche Trend hat allerdings auch seine Schattenseiten. Die stetig wachsende Busflotte verursacht immer höhere Treibstoffkosten und verschlechtert die Luft- und Lärmsituation insbesondere in der Innenstadt. Am gravierendsten ist allerdings die Tatsache, dass sich die Busse auf den am stärksten ausgelasteten Strecken des Aachener Netzes bereits gegenseitig behindern und die zusätzlichen Fahrgäste nicht durch weitere Fahrzeuge aufgefangen werden können. In der Praxis führt dies dazu, dass in den Hauptverkehrszeiten trotz des Einsatzes von Doppelgelenkbussen Fahrgäste wegen Überfüllung der Fahrzeuge an den Haltestellen stehen bleiben und auf den nächsten Bus warten müssen. Doch nicht nur die persönliche Reisezeit verlängert sich durch zusätzliche Wartezeiten, auch der Fahrplan ist bei einer solchen Überlastung nicht mehr zu halten, da das Ein- und Aussteigen deutlich mehr Zeit als geplant benötigt.

Zur Verbesserung der Qualität im Aachener ÖPNV soll eine Stadtbahn als neues Rückgrat des städtischen Verkehrssystems eingeführt werden. Der erste Schritt soll dabei die sogenannte Campusbahn von Aachen-Brand über die Innenstadt zum Universitätsklinikum sein. Diese Stadtbahnlinie verläuft entlang der aktuell am stärksten belasteten Strecke und kann die dort bestehenden Probleme lösen sowie Kapazitäten für die Zukunft bereitstellen.

Mit der Einführung der Campusbahn sind weitere Verbesserungen absehbar:
– Mehr Fahrgäste durch höheren Fahrkomfort, keine Schaukelei in Bussen auf holprigen Straßen
– Kürzere Fahrzeiten: Statt 44 – 55 Minuten nur noch 34 Minuten von Brand bis Uniklinik
– Alternative Energieversorgung: Geringere Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen
– Geringere Lärmbelastung der Anwohner
– Die Stadtbahn ermöglicht immer einen barrierefreien Zugang
– Mitnutzung der Infrastruktur zum Aufladen von Elektrofahrzeugen
– Grundstein für weitere Stadtbahnlinien

Natürlich sind diese notwendigen Verbesserungen nicht zum Nulltarif zu bekommen, aber Bund und Land fördern einen Großteil der Investitionskosten mit 90%, so dass die Stadt nur noch 4 bis 6,5 Mio. € jährlich finanzieren muss. Dies sind gerade einmal etwa 1% des aktuellen Aachener Haushalts. Oder anderes gesprochen: Wenn man die Kosten auf alle Aachener umlegen würde, wären das pro Kopf nur 1,30 bis 2,15 € pro Monat. Vielfach trifft man auf die Befürchtung, dass die Campusbahn deutlich teurer werden könnte. Ein von der Industrie- und Handelskammer in Auftrag gegebenes Gutachten kam jedoch zu dem Schluss, dass die Kalkulation auch bei möglichen Unwägbarkeiten sehr solide ist. Außerdem spricht vieles dafür, dass die Bauarbeiten und Anschaffungen im Plan bleiben werden. Die Fahrzeuge (auch mit Akku) gibt es von der Stange und haben Listenpreise. Für die Planung wurden Zahlen von abgeschlossenen Projekten verwendet in denen mögliche Kostensteigerungen bereits enthalten waren. Man muss sich vor Augen halten, dass alle geplanten Bauarbeiten Standard sind und die Stadtverwaltung in der Vergangenheit bewiesen hat, dass sie diese korrekt kalkulieren und ausführen kann. Beispielsweise wurden von 2009 bis Ende 2010/Anfang 2011 in Aachen im Rahmen des Konjunkturpakets II Straßenbauarbeiten in Höhe von 27 Mio. € durchgeführt. Der Abschlussbericht kam zu dem Schluss, dass bei den Arbeiten insgesamt keine Mehrkosten entstanden sind.

Mein persönliches Fazit lautet daher, dass eine Stadtbahn die sinnvollste Lösung für Aachens Verkehrsprobleme ist. Schon jetzt läuft der Busverkehr nicht optimal, ist darüber hinaus auch noch relativ teuer (Treibstoffkosten) und belastet die Anwohner mit Lärm und Abgasen. Eine Lösung dieser Probleme kostet auf jeden Fall Geld. Mehr Busse müssen beschafft und auch von Menschen gefahren werden, alternative Treibstoffe und Antriebe, die umweltschonender sind, kosten ebenfalls Geld. Aber durch all diese Maßnahmen schafft man es nicht, dass wesentlich mehr Menschen mit Bus und Bahn fahren können. Das dies dringend nötig ist, zeigen die steigenden Mobilitätskosten beim Auto. Nicht jeder wird sich zukünftig den vollen Tank leisten können. Daher muss eine Stadt einen funktionierenden ÖPNV als Alternative anbieten, um ein bezahlbares Leben in der Stadt zu ermöglichen. Dies wird in Aachen nur mit einem neuen Rückgrat des städtischen Verkehrssystems erreichen können – mit der Campusbahn.

Weitere ausführliche Informationen und Antworten unter:
www.campusbahn.de
www.spd-aachen.de/html/31776/welcome/-Campusbahn.html