Fahrradkorso für getötete Radfahrer

 

283 verunglückte Radfahrer im Jahr 2017 sind der traurige Anlass für den zweiten Aachener Ride of Silence. Die Gedenkveranstaltung auf zwei Rädern nimmt Anteil an dem Schicksal der verletzten Radfahrer und den beiden Radfahrern, die im Verkehr zu Tode gekommen sind, darunter eine 29-jährige Frau am Hansemannplatz und ein 86-jähriger Mann auf der Sittarder Straße. Weiß angestrichene „Geisterräder“ erinnern an den Unfallstellen an die getöteten Radfahrer.

Der Ride of Silence findet seit 15 Jahren jeweils am dritten Mittwoch im Mai statt. In mehr als 440 Städten auf sieben Kontinenten fährt der weltweite Fahrradkorso schweigend durch die Städte und erinnert an Radfahrer, die im Straßenverkehr verletzt oder getötet wurden. Die Teilnehmenden tragen weiße oder helle Kleidung und fahren schweigend. Der erste Ride of Silence in Aachen wurde im vergangenen Jahr spontan nach dem tragischen Unfall am Hansemannplatz ins Leben gerufen und hatte mit über 400 Teilnehmern eine herausragende Resonanz.

„Anlässlich des Jahresgedenken am Hansemannplatz wollen wir Radfahrer deutlich machen, dass vor allem die Aachener Kreuzungen dringend sicher umgebaut werden müssen. Die dortigen Sofortmaßnahmen können nur der Anfang gewesen sein, um ein eigentlich offensichtliche Problem zu lösen.“, fordert der Organisator des Aachener Ride of Silence, Jan van den Hurk. Die Überschneidung von rechtsabbiegenden Kraftfahrzeugen mit geradeaus fahrenden Fahrrädern müsse endlich durch einen Umbau der Kreuzung mit separaten Radwegen beendet werden, so van den Hurk weiter. Auch das freie Linksabbiegen von Radfahrern im fließenden Verkehr sei sicherlich nicht jedermanns Sache. Die Organisatoren des Ride of Silence hoffen aufgrund der akuten Problemlage auf eine möglichst hohe Resonanz der Aachener Radfahrer.

Vorbild Niederlande

Ein positives Beispiel für gute Radwege und sichere Kreuzungen liegt mit den Niederlanden direkt vor der Aachener Haustür. Die dortige Infrastruktur ist für Radfahrer aller Altersklassen und Fähigkeiten deutlich sicherer. Während in Deutschland je 100 Millionen Fahrrad-Kilometer 47 Menschen verletzt und 1,7 Menschen getötet werden, sind es in den Niederlanden gerade mal 14 bzw. 1,1 Menschen. Unter dem Motto „Stoppt den Kindermord“ haben die Niederländer in den frühen 70er Jahren den Grundstein für sichere Radwege und Kreuzungen erkämpft. Dabei profitierten nicht nur Radfahrer. „Mit Kreuzungen nach niederländischem Vorbild würden sich nicht nur Menschen auf Fahrrädern sicherer fühlen, auch die Übersichtlichkeit für alle anderen Verkehrsteilnehmer würde deutlich verbessert.“, ist sich van den Hurk sicher.

Am kommenden Mittwoch, 16. Mai 2018 um 19:00 Uhr fährt der Fahrradkorso Ride of Silence über Grabenring, Alleenring, Frankenberger Viertel und Hansemannplatz zum Aachener Marktplatz. Treffpunkt zum Ride of Silence ist um 18:30 Uhr der Vorplatz des Aachener Hauptbahnhofs. Die etwa 14 km lange Route führt an zwei Geisterrädern vorbei, die an die Todesfälle der letzten Zeit erinnern. Bei den Geisterrädern wird jeweils eine Gedenkminute abgehalten.

Weitere Informationen unter:
www.facebook.com/rideofsilenceAC

Campusbahn: Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein?

Eines ist klar: Am Tag des Ratsbürgerentscheid, Sonntag 10. März 2013, wird die Antwort „Jein“ nicht zur Verfügung stehen. Der Rat der Stadt Aachen hat sich im Dezember mit sehr großer Mehrheit für den Bau einer Stadtbahn in Aachen ausgesprochen und gleichzeitig den Weg frei gemacht für einen sogenannten Ratsbürgerentscheid. Wir Bürger von Aachen von Aachen haben einmalig ein Stückchen von der von uns per Wahl vergeben Macht zurückbekommen und sollen über die Campusbahn entscheiden. Sind Sie für den Bau der Campusbahn? Ja oder Nein!

Nach einer nahezu wahnwitzigen Recherche, endlosen Diskussionen im Internet und anderswo und vielen Gesprächen mit Befürwortern, „Gegnern“, anderen Interessierten und offiziell Verantwortlichen habe ich mich dazu entschlossen mit „JA“ zu stimmen. Denn hinter dem Ratsbürgerentscheid steckt mehr als die simple Frage nach der Einführung einer Stadtbahnlinie. Wir wahlberechtigten Bürger müssen darüber entscheiden welche Richtung Aachens ÖPNV einschlagen soll und wir haben jetzt die Verantwortung uns für die Lösung zu entscheiden, die den Anforderungen Aachens in vielen unterschiedlichen Punkten am ehesten gerecht wird.

Ich möchte kurz die wichtigsten Rahmenbedingungen und Probleme skizzieren:

  1. In Aachen muss der ÖPNV ausgebaut werden.
    Seit beinah drei Jahrzehnten steigen die Fahrgastzahlen in Aachen nahezu ununterbrochen an. Derzeit fahren im Jahr 66 Mio. Menschen mit der ASEAG und das Ende Fahnenstange ist noch nicht erreicht. Aller Orten liest man vom sich ändernden Mobilitätsverhalten der Menschen vor allen Dingen bei jungen und alten Menschen. Die eine Gruppe plant ganz vorurteilsfrei und sachlich wie sie am besten von A nach B kommt und wählt dann das optimale Verkehrsmittel aus und die andere Gruppe kann irgendwann nicht mehr am Steuer eines Autos sitzen oder kann sich kein Auto mehr leisten.
    Die jetzt schon vorhandenen Kapazitätsengpässe auf den Hauptachsen des Aachener ÖPNV werden sich also aller Voraussicht nach verschärfen und es besteht hier und heute Handlungsbedarf. Leider ist es nicht mit ein paar mehr Bussen getan, da stellenweise bereits so viele Busse unterwegs sind, dass diese sich gegenseitig blockieren. Aachen muss also den nächsten Schritt wagen und ein leistungsfähigeres System einführen.
  2. Umweltschutz – Lärm und Schadstoffe in der InnenstadtDie Auflagen im Bereich Umweltschutz werden Jahr für Jahr schärfer. Die EU gibt immer niedrigere Grenzwerte für Lärm und Schadstoffe vor und zwingt die städtischen Verantwortlichen tätig zu werden. Die Lärmkartierung hat gezeigt, dass der steigende Verkehr in Aachens Straßen immer mehr zu einer Belastung wird. Bei den Luftschadstoffen senkt sich langsam das Ungeheuer „Umweltzone“ über die Stadt und nur mit viel Kreativität konnte die Einführung von schmerzhaften Zwangsmaßnahme, die den Pkw-Verkehr in der Innenstadt reduzieren, verhindert werden. Auch beim Dauerbrenner CO2 kann sich Aachen nicht vor seinem Anteil an der globalen Verantwortung drücken und die Endlichkeit der fossilen Treibstoffe wird uns so oder so zum handeln zwingen.
  3. Stadtentwicklung
    Aachen steht unbestreitbar im Wettbewerb der Städte. Die große Mobilität der Menschen macht sich auch hier bemerkbar, wenn der ein oder andere ohne langes Zögern seine Heimat verlässt und sich nach einem Ort umschaut, der die besten Chancen bietet. Bei so einem Ortswechsel werden natürlich viele Faktoren herangezogen, aber ein Faktor ist sicherlich die Frage, wie einfach ich meinen Mobilitätsbedarf umsetzen kann. Ein guter Nahverkehr kann hier ein entscheidender Punkt sein, wenn er denn eine hohe Qualität aufweist.
  4. Finanzen
    Nichts auf der Welt ist umsonst und so muss auch die Stadt ein Auge aufs Geld haben. Die entscheidende Frage ist aber wofür das Geld ausgegeben wird und wie man seine Prioritäten setzt. Es gibt bestimmte Dinge, die kann man ruhigen Gewissens als Luxuriös bezeichnen, aber eine funktionierende Infrastruktur, und dazu gehört der ÖPNV, muss unbedingt die vorderen Plätze belegen.
  5. Teilhabe und Teilnahme für alle
    Die sozialen Gräben laufen mittlerweile quer durch unsere Gesellschaft – heute noch in der Spitzengruppe und morgen schon bei den Schlusslichtern. Oder man ist von Geburt an nur das fünfte Rad am Wagen. Eine lebenswerte Stadt ist auf den Zusammenhalt seiner Bürger angewiesen und muss dafür Sorge tragen, dass diese sich unabhängig von Stand oder Hintergrund begegnen können. Eine Aufspaltung zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen kann und darf sich Aachen nicht leisten.

Ein leistungsfähiger ÖPNV muss sich mindestens an diesen Punkten messen lassen und die Gremien der Stadt Aachen haben sich in den letzten fünf Jahren intensiv um eine optimale Lösung bemüht. Es wurden 17 verschiedene Verkehrsmittel verglichen, die Vor- und Nachteile abgewogen, die Kosten ermittelt und am Ende stellte sich zur Überraschung so einiger Menschen heraus, dass eine Stadtbahn für Aachen genau die richtige Lösung ist. Ohne Frage mit 4,04 bis 6,36 Mio. € jährlich eine kostspielige Investition, aber alle anderen Alternativen können nicht annähernd so vollständig auf die von mir skizzierten Fragestellungen eine Antwort geben wie ein Stadtbahnsystem.

Ein ausgebautes Busnetz mit eigenen Spuren von Brand bis zur Uniklinik schlägt laut ASEAG auch mit 4,3 Mio. € jährlich zu Buche, hilft weder beim Umweltschutz noch bei der Barrierefreiheit und ist auch sonst nicht sonderlich attraktiv. Busse mit alternativen Antrieben sind ein wichtiger aber teurer Schritt beim Umweltschutz und bieten auch keine Antwort auf die Engpässe im Busbetrieb. Es würden immer noch Fahrgäste an den Haltestellen stehen bleiben müssen und die vollen Busse an sich vorbei ziehen lassen. Bei der Entscheidung muss daher jedem klar sein, dass alle Alternativen viel Geld kosten, sich aber eklatant in der Qualität und der Lösung aller weiteren Probleme in der Aachener Innenstadt unterscheiden. Selbst „nichts tun“ ist kostspielig, da der steigende (vermutlich Auto-)Verkehr gelenkt und aufgefangen werden muss, Zwangsmaßnahmen im Bereich Umwelt verhindert werden müssen und die Stadt mit einem erheblichen Attraktivitätsverlust zu kämpfen hätte.

Für mich ist daher klar, dass eine Stadtbahn den besten Mix aus Investition und Kosten darstellt und mit der sowieso nötigen Basisinfrastruktur auch Steigbügelhalter für die weitere Elektrifizierung des Aachener Verkehrs sein kann. Nicht ohne Grund hat die vorläufige standardisierte Bewertung einen Kosten-Nutzen-Faktor von 1,5 ergeben. D.h. jeder investierte Euro löst 1,5 € volkswirtschaftlichen Nutzen aus und die Differenz kommt direkt der Stadt Aachen und seinen Bürgern zu Gute. Eine neues Verkehrssystem bedeutet natürlich auch Änderungen am bestehenden System, aber bis 2019 ist noch genügend Zeit viele kleine Details zur Zufriedenheit der Mehrheit zu gestalten. Ich hoffe daher, dass sich beim Ratsbürgerentscheid die Mehrheit der Wahlberechtigten für den Bau der Campusbahn ausspricht und damit Aachen zu einem Schritt vorwärts verhilft.

PS: Ein letztes persönliches Wort zu den vergangenen Wochen. Noch nie ist mir Politik im Alltag so Nahe gegangen. Noch nie war ich so nah dabei und hatte die Gelegenheit an vorderster Front mit vielen Menschen zu diskutieren, abzuwägen und ein Votum abzugeben. Der Aufwand, um bei einem Ratsbürgerentscheid eine solide abgesicherte Entscheidung zu treffen, ist enorm und mein Respekt gilt denjenigen, die uns im normalen Alltag auf ehrenamtlicher Basis viele Entscheidungen in den Gremien der Stadt abnehmen. Aber ebenso gilt mein Respekt denjenigen, die in diesen Wochen andere Meinung waren und trotzdem mit offenem Visier über das für und wider dieses Großprojekts diskutiert haben. Einiges hat mich auch im Zusammenhang mit diesem Ratsbürgerentscheid nachdenklich gestimmt. Ist das der beste Weg um uns Bürger besser an politischen Prozessen zu beteiligen (Stichwort: Direkte Demokratie)? Woher stammt diese überbordende Misstrauen gegenüber Politikern und Fachleuten, die ich in den allermeisten Fällen mit Herzblut bei der Sache erlebt habe? Wie steht es um unsere Diskussionskultur? Alles Fragen, die in nicht all zu ferner Zukunft sicherlich einen weiteren Blogeintrag wert sind.

Weitere Informationen:
www.campusbahn-aachen.de – Die Unterlagen der offiziellen Vor-Planung
ratsinfo.aachen.de/bi/allris.net.asp – Das Ratsinformationssystem der Stadt Aachen
bahnfreifuerac.bplaced.net – Aufbereitetes Kartenmaterial zur Campusbahn mit praktischen Funktionen
www.spd-aachen.de/html/31776/welcome/-Campusbahn.html -  Antworten zu den meisten offenen Fragen
frittezang.de/fz007-pro-campusbahn-mit-jan/ – Ausführlicher Podcast mit Tim Becker zur Campusbahn